Die Seehundbestände in Nord- und Ostsee sind zum dritten Mal in zwei Jahrzehnten von einem Massensterben bedroht. Ausgangspunkt ist wie bei den Staupe-Epidemien 1988 und 2002 die dänische Insel Anholt im Kattegat.An ihren Stränden wurden bis zum Wochenende die Kadaver von 48 verendeten Jungtieren angeschwemmt, sieben allein am Sonntag. Nach Untersuchungen im Veterinärmedizinischen Institut in Kopenhagen bestätigten die Behörden am Sonntag, dass die Meeressäuger vom selben Virus befallen waren, der die Bestände bei der ersten Seuche um 60 Prozent und bei der zweiten um etwa ein Drittel dezimierte.
Trotz des alarmierenden Befundes äußerten sich dänische Experten optimistisch, dass sich der Virus diesmal weniger dramatisch ausbreitet als 2002. Biher waren nur junge Robben im Alter zwischen einem und zwei jahren gefunden worden. Das deute darauf hin, dass ausgewachsene Tiere noch ausreichend Antistoffe von der letzten Epidemie im Körper haben.
1988 und 2002 hatte sich die Seuche von Anholt aus über ganz Nordeuropa bis hin zu den deutschen und niederländischen Wattenmeeren ausgebreitet. Experten waren vor allem nach der ersten Welle mit dem Tod von 60 Prozent aller Seehunde überrascht, wie schnell sich der Bestand wieder erholte. Nach Angaben des Internationalen Wattenmeersekretariats in Wilhelmshaven hat sich die Zahl der Seehunde vor den Küsten Deutschland, der Niederlande und Dänemarks bis Herbst 2006 auf etwa 15 000 erhöht. Das waren acht Prozent mehr als im vorausgegangenen Jahr.
Nach Meinung des dänischen Instituts für Umweltforschung könnten Graurobben, die ebenfalls vor Anholt leben, den für sie selbst ungefährlichen Staupe-Virus eingeschleppt und auf die Seehunde übertragen haben. Als weitere mögliche Überträger gelten Nerze und Füchse. Auch bei den beiden bisherigen Seuchen sind sich die Wissenschaftler über deren Ursachen noch nicht völlig einig.